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Die Alm ist ihr Leben

 

Wanderwege gibt es in und um Bad Reichenhall zu Hauf. Wer zur Zwieselalm aufsteigt, dem liegt die Stadt in schönster Pracht zu Füßen. Hier herrschen Ruhe, Weitblick und ein Wirtspaar, das sein halbes Leben auf der Alm verbracht hat.

 

In gleichmäßigen Serpentinen zieht sich der Weg durch den dichten Bergwald. Selbst an heißen Sonnentagen spenden die alten Fichten und Buchen gnädig Schatten. Wo sich das Blattwerk lichtet, erhascht der Wanderer einen Blick auf die Bergkette gen Süden. Watzmann, Hochkalter, Steinberge. Wenn er später von einer kleinen Lichtung aus endlich das Kaiser-Wilhelm Haus erspäht, ist er fast da: im Reich von „Grazi“ Pankraz und seiner Frau Brigitte Potschacher, auf der Zwieselalm auf 1.386 Meter Höhe. Bis weit ins Österreichische reicht hier die Sicht.

 

 

Sehnsuchts-Ort

Seit 1965 sind die Zwei Sommer für Sommer auf ihrer Alm. Je nach Witterung kommen sie im Frühjahr und kehren erst im Herbst zurück ins Tal. Weil sie nicht mehr die Jüngsten sind – Pankraz wird 80, Brigitte 74 Jahre – nehmen sie mittlerweile den Hubschrauber. Der Fußmarsch wäre zu beschwerlich. Und anders als zu Fuß kommt man nicht rauf auf die Zwieselalm.

„Sind wir erstmal heroben, bleiben wir durchgehend hier“, erzählt Brigitte und belegt eine Scheibe Brot mit Speck und Käse. Jetzt, am späten Nachmittag sind die meisten Wanderer schon wieder auf dem Rückweg. Zeit zum Durchschnaufen, Zeit für eine Jause vor der Hütte, gemeinsam mit der Hüttencrew. Sohn Andreas ist da sowie Martina und ihr Mann Jürgen, die beiden Burschen Simon und Michael und Aushilfe Uwe. Alle packen an, wenn sie gebraucht werden, ob in der Küche oder ums Haus rum. Zu tun gibt es auf einer Alm immer etwas. Es geht familiär zu, die Gruppe genießt die Abgeschiedenheit.

Ob sie die Annehmlichkeiten im Tal nicht vermissen, all die Sommerwochen? „Nein“, sagt Brigitte und schüttelt lachend den Kopf. „Überhaupt nicht.“ Sie hätten mal eine Katz mit heroben gehabt, die sei ab zu auf eigene Faust zurück zum heimatlichen Hof marschiert. Bei ihnen sei es eher andersherum: Im Winter vergehe kein Tag, an dem sie sich nicht auf die Alm sehnen. „Das hier ist unser Leben.“ So einfach ist das, im wahrsten Sinne.

 

 

Kaiserlicher Ort

Erste Aufzeichnungen der Zwieselalm stammen von 1864, seit etwa 1900 befindet sie sich in Familienbesitz der Potschachers. Den Strom liefert eine Photovoltaikanlage, das Wasser kommt aus der eigenen Quelle. Gekocht wird auf einem alten Holzofen in der urgemütlichen Küche. Auf dem Feuer stehen große Töpfe. Ein bunter Wasserkessel blubbert vor sich hin.

Zu Beginn der Saison fliegt ein Hubschrauber alles Nötige für den Almsommer hinauf, dann versorgen die Maultieren der Tragtierkompanie Bad Reichenhall die Alm wöchentlich mit Lebensmitteln. Und was zwischendrin benötigt wird, tragen Freunde rauf.

Die Hütte mit ihren niedrigen Türen, den schiefen Wänden und den grünen Fensterläden steht unter Denkmalschutz, genauso wie das benachbarte Kaiser-Wilhelm-Haus. Es wurde nach 1900 errichtet, zur Erinnerung an den Prinzen Wilhelm und späteren Deutschen Kaiser. Der weilte damals zur Kur in Reichenhall und ließ sich in einer Sänfte auf den Zwiesel tragen. Rund 60 Schlafplätze stünden in dem Gebäude zur Verfügung. Derzeit wird es aber nur als Lager genutzt.

 

 

Verliebt in blaue Augen

Anders als seine Frau ist Grazi kein Mann der vielen Worte. Vor Fragen nimmt er lieber Reißaus. Also erzählt Brigitte: „Zu uns kommen so viele verschiedene Leute, Einheimische, Stammgäste, sogar Amerikaner und Japaner. Und ich ratsch mit jedem gerne.“

Kennen gelernt hat sich das Paar im ehemaligen Wirtshaus Kaitl, wo Brigitte als Bedienung arbeitete. „Er hat jeden Tag die Milch gebracht, er kam ja vom Bauernhof. Schon damals hatte er ein Motorrad, das war was Besonderes. Und dann seine blauen Augen…“, erinnert sie sich. Die beiden heirateten, bekamen einen gemeinsamen Sohn und verlegten ihre Sommer auf die Alm. Als Andreas noch ein kleines Kind war, nahmen sie ihn mit, als Schuljunge blieb er unter der Woche bei der Oma.

Seit nunmehr 19 Jahren ist Pankraz Namenspate für den alljährlich im August stattfindenden „Grazi-Man“, einen alpinen Mannschafts-Dreikampf bestehend aus den Disziplinen Mountainbiken, Berglauf und Gleitschirmfliegen. Wenn die Sportler die Alm bevölkern, rührt sich was. Dann sind die Stühle und Tische bis auf den letzten Platz besetzt, viele lassen sich einfach auf der Wiese nieder. Alle fühlen sich wohl, es wird viel gelacht.

 

 

Die nächste Generation

Kaum vorstellbar in der abendlichen Ruhe die nun herrscht. Trotz kalendarischem Sommer ist es vor der Hütte kühl geworden. Wie eine kleine Spielzeug-Stadt schaut Bad Reichenhall von hier oben aus. Man kann die Alte Saline ausmachen und das Dach des Münsters St. Zeno. Die Hüttenhelfer haben sich in die eingeheizte, holzvertäfelte Gaststube zurückgezogen. Grazi und Brigitte stehen noch draußen. Die Abendstunde sei ihnen die schönste Zeit des Tages. Wie viele Sommer sie noch auf der Alm verbringen werden, das steht in den Sternen. Sohn Andreas würde schon weitermachen, wenn es nicht gar so beschwerlich wäre. Tagein, tagaus heroben zu verbringen, damit kann sich der junge Mann noch nicht so recht anfreunden. Gleichzeitig hegt er schon Pläne, er würde zum Beispiel gerne Ziegen auftreiben, so wie es früher üblich war. Wer weiß, vielleicht mag auch er irgendwann gar nicht mehr runter ins Tal.

 

 

 

 

Infos:

Die Zwieselalm befindet sich in Privatbesitz und liegt auf 1.387 m Höhe, am Südhang des Zwiesels in der Staufengruppe. Die Hütte ist je nach Witterung von Mai bis Oktober bewirtschaftet. Vom Listwirt in Bad Reichenhall benötigt man für den Aufstieg über den „Mulisteig“ etwa 3 Stunden. Vom Ortsteil Jochberg in Weißbach an der Alpenstraße gelangt man in etwa einer Stunde auf die Alm. Der breite Steig zur Hütte ist gut begehbar, im oberen Bereich dienen an einigen Stellen Holzbohlen als Stufen, die bei Regen rutschig werden können.

Weitere Informationen bei den Wirtsleuten der Zwieselalm, Pankraz und Brigitte Potschacher, Tel.: 08651/ 3107